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Belgrads langer Kampf um die Serbisierung Kosovos

Ethnische Säuberung als politische Strategie auf dem Balkan - Belgrads langer Kampf um die Serbisierung Kosovos

Nach der Eingliederung Kosovos in das serbische Königreich 1912 bis zu dem von der Nato erzwungenen Abzug der jugoslawischen Armee im Juni 1999 hat Belgrad versucht, die demographischen Verhältnisse in der Provinz zugunsten der Serben zu verändern und damit seine Herrschaft zu festigen. Als Mittel dienten Kolonisierung, Diskriminierung und Vertreibung. Nach dem Einmarsch der Nato-Truppen setzte der Exodus der Serben aus Kosovo ein, die nun ihrerseits von extremistischen Albanern vertrieben wurden.

Die systematische Vertreibung von fast einer Million Kosovo-Albaner durch die Serben in den Monaten vor und verstärkt in den ersten Wochen nach dem Beginn der Nato-Luftangriffe auf Jugoslawien am 24. März 1999 war der Höhepunkt einer Entwicklung, die bereits mit der Eingliederung Kosovos in das Königreich Serbien im Jahre 1912 begonnen hatte. Nicht nur in Kosovo, sondern auch während der jüngsten Kriege in Bosnien und Kroatien in den Jahren 1991-95, waren die «ethnischen Säuberungen» nicht eine Begleiterscheinung der Kämpfe und damit ein Nebenprodukt der Kriege, sondern zentraler Bestandteil einer politischen Strategie, die darauf abzielte, ethnisch homogene Staaten zu schaffen.

Nationale Homogenisierung

Die Flucht ganzer Bevölkerungsteile nach verlorenen Kriegen sowie Vertreibungen - von der jeweiligen Regierung geduldet, gefördert oder organisiert - sind ein wichtiger Bestandteil der Geschichte der Länder des Balkans. Ein frühes Beispiel für einen Exodus ist die so genannte grosse Wanderung der Serben im Jahre 1690. Damals flohen nach den Niederlagen der Habsburger gegen das Heer der Osmanen im südlichen Balkan Zehntausende von Serben unter der Führung des Patriarchen der serbisch-orthodoxen Kirche aus Kosovo nach Norden in das Gebiet der heutigen Vojvodina. Sie fürchteten die Rache der Sieger. Mit dem Erstarken der nationalen Identität der südslawischen Völker auf dem Balkan im 19. Jahrhundert, dem Beginn der bewaffneten Auseinandersetzungen um die Aufteilung der südosteuropäischen Territorien des Osmanischen Reiches und der damit verbundenen Bildung von Nationalstaaten wurde die ethnische Verflechtung als Bedrohung und Hindernis zur Verwirklichung der nationalen Aspirationen empfunden. Für die zwischen 1830 und 1918 entstandenen Staaten auf dem Balkan, deren territoriale Grenzen sich in keiner Weise mit den ethnischen deckten, war - anders als zur Zeit des multiethnischen Türkischen Reiches - die nationale Homogenisierung ein wichtiges politisches Ziel. Assimilation, Verfolgung, Ausgrenzung und Vertreibung von Minderheiten waren die Konsequenzen.

In diesem Zeitraum, in dem das Osmanische Reich Schritt um Schritt aus Südosteuropa herausgedrängt wurde, floh ein grosser Teil der muslimischen Bevölkerung - ihre Zahl wird auf mehrere Millionen geschätzt - in die Türkei. Ein Höhepunkt des ethnischen «engineering» war der griechisch-türkische Bevölkerungsaustausch im Jahre 1923 unter Mitwirkung des Völkerbundes, dem Massaker auf beiden Seiten und die Flucht von Hunderttausenden von Griechen und Türken vorausgegangen waren. Entsprechend der Vereinbarung wurden 400 000 Türken aus Griechenland ausgesiedelt, und über eine Million Griechen musste Kleinasien verlassen. Zu Beginn des Bosnien-Krieges 1992 wurden Hunderttausende von Bosnjaken (Muslimen) aus den von den serbischen Truppen eroberten Gebieten vertrieben. Im Frühjahr und Sommer des Jahres 1995, als kroatische Truppen die von den aufständischen Serben besetzten Gebiete der Krajina zurückeroberten, flohen 150 000 bis 200 000 kroatische Serben nach Jugoslawien.

Kosovo, 1912 von serbischen Truppen erobert, kam 1918 als Teil Serbiens zum Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, dem späteren Jugoslawien. Damit setzte die Politik der Serbisierung ein. Die internationalen Konventionen zum Schutz der Minderheiten wurden systematisch verletzt. Die Albaner sollten durch Diskriminierung zur Emigration gezwungen werden. Mit der serbischen Machtübernahme in Kosovo regte sich aber auch der Widerstand der Albaner. Die serbischen Vergeltungsmassnahmen, die bereits damals in erster Linie die Zivilbevölkerung zu spüren bekam, wurden - ebenso wie in den späten neunziger Jahren - mit der Notwendigkeit begründet, den albanischen Terrorismus und Irredentismus zu bekämpfen und den «Banditen» das Handwerk zu legen. Als Folge dieser Politik gab es in Kosovo im Jahre 1930 keine einzige albanischsprachige Schule und Zeitung mehr.

Ein anderes Mittel zur Veränderung der demographischen Struktur zugunsten des slawischen Bevölkerungsteils war die Kolonisierung, der Versuch also, gezielt Serben und Montenegriner in Kosovo anzusiedeln. Bereits 1914 und dann wieder 1918/19 gab es solche Programme, die von Landreformen sowie Konfiskationen von Grundstücken und Eigentum begleitet waren. Zwar nahm der Anteil der slawischen Bevölkerung in den zwanziger Jahren zu, doch ein Teil der Kolonisten kehrte bereits in den dreissiger Jahren wieder in die alte Heimat zurück. Viele von denen, die geblieben waren, wurden während des Zweiten Weltkriegs von den Albanern vertrieben oder umgebracht; ihre Häuser wurden zerstört. Alle Versuche, durch Ansiedlungsprogramme den Anteil der Serben und Montenegriner zu erhöhen, brachten - ebenso wie die späteren Bemühungen, etwa die Ansiedlung von serbischen Flüchtlingen aus Kroatien und Bosnien zu Beginn der neunziger Jahre - nicht das gewünschte Ergebnis.

Ein Leitfaden zur Vertreibung

Daran änderte auch der Umstand nichts, dass allein im Zeitraum von 1945 bis 1966 schätzungsweise 250 000 «Türken» (das heisst Albaner, slawische Muslime und ethnische Türken) Jugoslawien verlassen haben und in die Türkei emigriert sind, unter ihnen rund 100 000 Albaner aus Kosovo. Bereits im Jahre 1938 hatte Belgrad mit der türkischen Regierung ein Abkommen über die Aussiedlung von 40 000 «türkischen» Familien in die Türkei geschlossen, das allerdings wegen des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs nicht umgesetzt wurde. Als Vorbild diente der griechisch-türkische Bevölkerungsaustausch von 1923. Der Anteil der Albaner in Kosovo erhöhte sich von rund 60 Prozent Ende der dreissiger Jahre auf mehr als 90 Prozent vor dem Beginn des Kosovo-Krieges, und dies trotz allen serbischen Bemühungen um eine Änderung der Bevölkerungsverhältnisse sowie der Abwanderung von mehreren hunderttausend Albanern nach Westeuropa in den achtziger und neunziger Jahren.

Nach der Verfassungsänderung im Jahre 1974, in der Kosovo als Teil Serbiens und zugleich der jugoslawischen Föderation definiert und faktisch zu einer Teilrepublik mit einem Vetorecht auf Bundesebene aufgewertet wurde, fühlten sich die Slawen von den Albanern unterdrückt und diskriminiert. Die Folge davon war eine verstärkte Auswanderung von Serben und Montenegrinern, teils unter Druck, teils aus wirtschaftlichen Gründen.

Im Jahre 1937 hatte der Historiker Vasa Cubrilovic, ein Mitglied der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Berater der serbischen Regierung, ein Memorandum veröffentlicht. Darin kam er zum Schluss, dass sich alle bisherigen Methoden zur Veränderung der Bevölkerungsverhältnisse in Kosovo als Fehlschlag erwiesen hätten. Cubrilovic war ein Anhänger der Ideen des serbischen Innenministers Ilija Garasanin, der Mitte des 19. Jahrhunderts zur Lösung der serbischen nationalen Frage die Vereinigung aller Gebiete forderte, die er für serbisch hielt. Cubrilovic empfahl in seinem Memorandum die Umsiedlung der albanischen Bevölkerung nach Albanien und in die Türkei. Da alle bisherigen Bemühungen, die Albaner durch Kolonisierung zu marginalisieren, wirkungslos geblieben seien, so lautet seine Kernthese, bleibe nur noch die Massenvertreibung übrig - ein Ratschlag, der 1999 von der serbischen Führung in Belgrad befolgt wurde. «Die einzige Möglichkeit und das einzige Mittel ist die brutale Gewalt einer durchorganisierten Staatsmacht, worin wir ihnen (den Albanern) immer schon überlegen waren», schreibt Cubrilovic. Die «Lösung der grossen ethnischen Fragen» könne auf dem «blutigen und aufgewühlten Balkan», so seine Überzeugung, nicht mit westlichen Methoden erreicht werden.

In dem Memorandum führt das Akademiemitglied eine Reihe von Massnahmen an, die seiner Meinung nach dazu geeignet sind, sich der Albaner Kosovos zu entledigen. Sie wurden in den neunziger Jahren in Kosovo, in Bosnien und auch in Teilen Kroatiens in erschreckender Weise bis in Einzelheiten umgesetzt. Cubrilovic schlägt vor, albanische Geistliche und einflussreiche Leute mit Geld und durch Drohungen auf die serbische Seite zu ziehen. Diese sollten dann durch Propaganda den Boden für die Umsiedlung der Albaner in die Türkei vorbereiten. Auch müsse der Staat, so lautet ein weiterer Ratschlag, die Gesetze voll und ganz ausschöpfen, «so dass es für die Albaner unerträglich wird, bei uns zu bleiben». Als Beispiele nennt Cubrilovic Geldstrafen, Gefängnis, rücksichtslose Anwendung von Polizeimitteln, Nichtanerkennung der alten Grundbuchauszüge, Ausserkraftsetzen von Konzessionen sowie Berufsverbote und Entlassungen, Zerstörung der Mauern um die albanischen Häuser, Unterbindung des Handels mit Vieh, schlechte Behandlung des Klerus, Verwüstung von Friedhöfen, Bewaffnung der Kolonisten und Wiederbelebung der alten Bandentätigkeit, Schüren von Unruhen, die dann mit allen Mitteln niedergeschlagen werden müssten.

Sodann empfiehlt Cubrilovic, zuerst die Bauern zu vertreiben und erst dann die Stadtbewohner. Auch müssten ganze Dörfer und Familien ausgesiedelt werden. Eine wirksame Methode, die Serbien nach 1878 mit Erfolg angewandt habe, sei das heimliche Niederbrennen von albanischen Dörfern und Stadtteilen. Jenen Albanern aber, die mit ihrer Aussiedlung in die Türkei einverstanden seien, soll der Staat, so schreibt Cubrilovic, grosszügig unter die Armee greifen.

Nach dem Abzug der jugoslawischen Armee und der serbischen Polizei aus Kosovo sowie dem Einmarsch der Nato-Truppen im Juni 1999 setzte der Exodus der Serben und anderer Nicht-Albaner ein. Von den ursprünglich mehr als 200 000 Serben leben laut Angaben des Uno-Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR) heute noch schätzungsweise 70 000 in Kosovo; die Nato geht von knapp 100 000 aus. Hinzu kommen laut Angaben des UNHCR 11 000 Roma, 15 000 ethnische Türken, 20 000 muslimische Slawen sowie Goranci (Bergler); bei letzteren handelt es sich um muslimische Serben, die im Sar-Gebirge südlich von Prizren an der Grenze Kosovos zu Mazedonien und Albanien leben, einen serbisch-mazedonischen Dialekt sprechen und deren Brauchtum albanisch geprägt ist. Alle jene, die in den Augen der Albaner mit den früheren Unterdrückern kollaboriert hatten, wurden nun ihrerseits Opfer von Willkürakten. Die Nato gab Anfang November die Zahl der Nicht-Albaner, die zwischen Juni und Oktober ermordet wurden, mit 397 an. Die Serben sprechen von 357 getöteten und 450 entführten Serben allein im Zeitraum von Juni bis August.

In einem Anfang November von der OSZE und dem UNHCR vorgelegten Bericht über die Situation der ethnischen Minoritäten wird das anhaltende Klima der Gewalt in Kosovo beklagt. Die Rede ist von Diskriminierung, Verfolgung und Einschüchterung, von Einschränkung der Bewegungsfreiheit, von fehlendem Zugang zu humanitärer Hilfe, auf die viele Nicht-Albaner vor allem in abgelegenen Gebieten dringend angewiesen seien. Auch nehme die Tendenz zur Bildung isolierter serbischer Enklaven weiter zu. Der Bericht hält zudem fest, dass von der Missachtung der Menschenrechte auch gemässigte Albaner betroffen sind sowie jene, welche die herrschenden Zustände kritisieren.

Die Unabhängigkeit als Ziel

Zur gleichen Zeit, da sich die früheren Führer der in das Kosovo-Schutzkorps umgewandelten albanische Untergrundarmee verbal zu dem vom Westen geforderten multiethnischen Konzept bekennen, werden nach wie vor Häuser angezündet, Nicht-Albaner entführt und ermordet, und dies in Anwesenheit der Nato-Truppen und der Uno- Übergangsverwaltung. Die Frage, ob es sich dabei um spontane Racheakte oder aber - wie das beim serbischen Vorgehen zuvor der Fall war - um systematisch geplante und koordinierte Aktionen mit einer klaren Strategie handelt, lässt sich nicht immer eindeutig beantworten. Die Grenzen sind fliessend. Die unabhängige und angesehene International Crisis Group mit Sitz in Brüssel hält in einer Ende November veröffentlichen Studie fest, dass die "systematischen Angriffe gegen die serbische Bevölkerung, und in einem geringeren Ausmass gegen andere Minderheiten, den Schluss nahelegen, dass zumindest gewisse Elemente der albanischen Bevölkerungsmehrheit entschlossen sind, alle in der Provinz lebenden Nicht-Albaner loszuwerden". In der Wahl der Mittel unterscheiden sich die albanischen Extremisten nicht von den serbischen. Ihr Ziel ist die Schaffung eines "ethnisch reinen" Staates, und dazu scheint auch ihnen jedes Mittel recht zu sein. Je weniger Nicht- Albaner in Kosovo bleiben, so lautet ihre Devise, desto näher rückt die ersehnte Unabhängigkeit.

Keine Schonung für Alte und Kinder

Alte Menschen wurden auf beiden Seiten nicht verschont. Ein älterer Mann berichtet aus dem Dorf Supina/Sopine (26. März 1999):

"Serbische Polizisten betraten das Zimmer und begannen zu schiessen. (. . .) Nachdem sie einer 16jährigen Verwandten 1500 Mark (in Serbien die gängige Hartwährung) als Lösegeld abgenommen hatten, erschoss der Polizist ihren Cousin trotzdem. Dann riefen sie meinen Schwiegersohn hinaus, schossen ihm in den Kopf und töteten ihn. Die Familie wurde hinausgeführt, wo meine 75jährige Schwägerin auf die Polizisten zuging und sie wegen ihrer Taten verfluchte. Sie erschossen sie sofort. Auch meine Nachbarn, beide 70jährig, sah ich, in kniender Position erschossen, mit dem Gesicht zum Boden, tot in ihrem Hof liegen."

Zahlreiche Kinder waren Zeugen der Ermordung ihrer Eltern:

Die Paramilitärs waren in unserem Gebäude und beraubten die Leute in ihren Wohnungen. Als sie sich bei uns daranmachten zu gehen, drehte sich einer um und schoss mehrmals auf meinen Mann. Er war nicht sofort tot. Im Gehen schossen sie wieder und töteten ihn. Meine Kinder rannten zum Vater und riefen: ‹Papi, Papi, verlass uns nicht!› Die Kinder, drei Knaben, waren ihrem Vater immer näher gestanden als mir. Mein Ältester weigerte sich, die Leiche des Vaters loszulassen. Der Kopf meines Mannes war entzwei gespalten, und wir mussten einen Plasticsack darumwickeln, als wir die Leiche begruben.

Serbische Rückkehrer

Aus dem zweiten Teil des OSZE-Berichts: Das Dorf Gorazdevac war das einzige übriggebliebene serbische Dorf in der Gegend von Pec. Jede Woche kehrten Gruppen von Kosovo-Serben aus anderen Teilen Serbiens und aus Montenegro nach Gorazdevac zurück, begleitet von Kfor-Truppen. Die Rückkehrer waren vor allem vertriebene Kosovo-Serben aus Montenegro oder der Gegend um Kraljevo in Serbien. Einige kamen mit der Absicht zu bleiben, andere nur, um sich über den Zustand ihrer Häuser ins Bild zu setzen und die Sicherheitslage zu beurteilen. Diejenigen, die in Gorazdevac wohnten und sich hin und wieder in andere Regionen begaben, zum Beispiel nach Montenegro, Kraljevo oder Zubin Potok, um Esswaren und andere Dinge zu kaufen, mussten immer von Kfor-Truppen begleitet werden. Ende Oktober war die geschätzte Zahl der Kosovo- Serben im Dorf von 650 auf 700 angestiegen. Einige der kosovo-serbischen Rückkehrer stammten ursprünglich aus Gorazdevac, während andere aus Dörfern in der Gegend von Pec, Klina und Istok kamen. Unter ihnen seien auch Kriegsverbrecher, welche die Kfor-Konvois als Deckung für Hin- und Rückreisen zwischen Montenegro und Kosovo benützten, wurde mehrmals von Kosovo-Albanern berichtet. Letztere behaupteten ebenfalls, sie könnten einige der Rückkehrer als ehemalige Täter identifizieren, die Häuser abgebrannt und Kosovo-Albaner getötet hätten.

Neue Zürcher Zeitung, 6. Dezember 1999

"Ethnische Säuberung" als politische Strategie auf dem Balkan
http://www.nzz.ch/dossiers/kosovo/kos991206csr.html

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